Mensch-sein

Wenn ein kleiner Mensch auf die Welt kommt, dann bringt er schon so einiges an Charakter und Eigenheiten mit. Woher das kommt, wollen wir hier mal bei Seite lassen. Aber es ist klar, der kleine Mensch hat neben den Verhaltensweisen, welche alle Babys gemeinsam haben, bereits eigene Ausprägungen und je länger je mehr wird sichtbar, auch eigene Charakterzüge. Jedes Baby ist einzigartig, nicht nur im Aussehen sondern auch in seinem Verhalten. Es wird erkennbar, dieser kleine Mensch mag gewisse Dinge. Andere mag er nicht. Gewisse Dinge lernte er schnell. Mit anderen hat er Mühe. Solange der kleine Mensch noch ein kleines Baby ist, werden ihm seine Bedürfnisse noch bedingungslos erfüllt. Dies ist auch richtig so.

Wenn der kleine Mensch jedoch grösser wird, dann wird er damit konfrontiert, dass andere Menschen um ihn herum auch Bedürfnisse und Vorstellungen haben. Er muss lernen, auf andere Menschen Rücksicht zu nehmen. Eigene Bedürfnisse zurückzustellen. Er muss lernen, sich einzufügen. Zuerst ist es das familiäre Gefüge, welches eine Anpassungsleistung des kleinen Menschen erfordert. Je grösser das Kind wird, desto mehr ist es richtig und wichtig, liebevoll und geduldig diese Lernschritte beim Kind einzufordern. Später kommt es in die Schule und die geforderten Anpassungsleistungen erreichen eine weitere Dimension.

Das Kind wurde in eine Welt hineingeboren, in der es Werte gibt und Normen. In unserer Welt ist es nicht mehr wichtig, die Eigenschaften eines ruchlosen Kriegers mit sich zu bringen. Was beispielsweise wichtig ist in unserer digitalen Welt, ist ein kluger Kopf und die Fähigkeit, still sitzen zu können. Man muss schnell sein. Man muss sich anpassen und in eine Gruppe einordnen können. Man muss Regeln einhalten können, welche dafür da sind, die oben genannten Eigenschaften zu fördern. Nicht alle Kinder bringen Stärken mit in den genannten Bereichen. Sie sind dafür vielleicht kräftig und haben einen grossen Bewegungsdrang und würden beispielsweise bei den Sherpas im Himalaya viel Anerkennung bekommen für ihre Fähigkeit, grosse Lasten über weite Strecken tragen zu können. Weil das in der Welt der Sherpas wichtig ist. Aber bei uns ist diese Fähigkeit fast wertlos geworden. Kinder, welche mit ihren Eigenschaften in unserer Welt nicht gut ankommen, fällt es schwer, sich einzugliedern und einen guten Platz in unserer Welt zu finden. Ihre Stärken sind nicht gefragt, im ungünstigsten Fall werden ihre Stärken (ein grosser Bewegungsdrang beispielsweise) explizit als eine Schwäche oder ein Defizit betrachtet. Dies gibt den betroffenen Kindern sehr leicht das Gefühl wertlos zu sein, nicht rein zu passen, nicht zu genügen.

Werden Kinder statt mit Zuwendung mit Druck und Strafen dazu gezwungen, sich so zu benehmen, wie es die soziale Norm, die Regeln es wollen, dann wird es umso schwieriger für diese kleinen Menschen. Sie müssen ihre zwirbligen, unkonzentrierten, eigenbrötlerischen, langsamen Seiten loswerden, weil sie mit ihnen als Menschen keine Zuwendung und Anerkennung erhalten. Auch sensible und ängstliche Seiten sind oft wenig willkommen. Genauso wenig all die destruktiven Seiten, die Menschen von Natur aus haben. Die Kinder sollen diese Seiten loswerden, wegsperren, wenn es irgendwie geht. Verdrängen. Wohin sie gehen ist oftmals egal. Wichtig ist, dass man funktioniert. Auch schon als Kind. Dies geschieht oft nicht aus bösen Absichten sondern die Kinder werden Opfer unserer Orientierung an Leistungszielen und engen sozialen Normen.

Einige Kinder schaffen es nie, sich genügend anzupassen. Meistens sind es diejenigen Kinder, welche bereits Risikofaktoren wie Migrationshintergrund, schwierige familiäre Verhältnisse, etc. mitbringen. Andere Kinder schaffen es, sich anzupassen aber sie erleiden kleinere und grössere Schäden durch den Druck, welcher sie dazu gezwungen hat. Diese Schäden können später im Erwachsenenalter wieder als Burnout, Angststörung und Depression an die Oberfläche kommen.

Wie gehen wir als Lehrpersonen oder Fachpersonen der Sozialen Arbeit damit um? Wie können wir es anders machen? Wie können wir Kinder und Jugendliche darin unterstützen, sich anzupassen und zu gesunden, verantwortungsbewussten und sozialen Menschen zu werden ohne dass sie dabei in ihrer Integrität verletzt werden? Wie gelingt es, individuelle Stärken wahrzunehmen und als solche zu fördern und gleichzeitig die Gemeinschaft mit ihren Regeln und Abmachungen zu stärken?

Aus meiner Sicht bietet das lösungsorientierte Modell dabei eine Hilfe. Es anerkennt den Menschen als Experten seiner Selbst und baut auf dieser Annahme eine Gesprächsstruktur auf, welche sowohl im Alltag wie auch auf der Metaebene ungemein wertvoll ist. Das Modell orientiert sich am Gelingenden und arbeitet mit dem, was gut funktioniert. Es fördert ein Umfeld, welches die Stärken und Fähigkeiten der Menschen sieht und wertschätzt. Es zeigt Wege auf, wie mit Kindern und Jugendlichen in einer Haltung der Gleichwertigkeit gearbeitet werden kann, ohne dass die fachliche Autorität der Lehrperson oder Sozialpädagogin in Frage gestellt wird. Es ist ein Model, das zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Haltung und deren Entstehung einlädt.

Diesem Ruf folgt der Kurs „LoA Insider“. Das wunderschöne Maggiatal im Tessin ist ein idealer Ort für ein Rückzug und ein neugieriges Erforschen der eigenen Haltung. Die handlungsorientierte Arbeit mit und in der Natur wird das Lernen auf verschiedenen Ebenen und Sinneskanälen unterstützen.