Ein Dialog zwischen Lucas Zack und Christoph Schäfer, Geschäftsführer von klassenbegleitung.ch

Lucas Zack (LZ): Wenn ich an Krisenintervention denke, fällt mir zuerst auf, wie unterschiedlich Krisen überhaupt aussehen können. Viele stellen sich darunter sofort laute Situationen vor: Streit, Eskalationen, Unterrichtsabbrüche oder Grenzverletzungen. Das gibt es natürlich. Gleichzeitig erleben wir auch leisere Formen. Ein Team ist erschöpft, Beziehungen sind angespannt, Lehrpersonen geben enorm viel – und trotzdem bewegt sich kaum mehr etwas.

Manchmal sagt uns eine Schule schon im Erstgespräch: „Wir sind in einer Gewitterzelle.“ Und manchmal heisst es nur: „Wir kommen irgendwie nicht mehr richtig vorwärts.“ Beides kann Ausdruck derselben Dynamik sein. Für mich beginnt Krise oft dort, wo die bisherigen Antworten nicht mehr tragen.

Christoph Schäfer (CS): Ja, und ich finde wichtig, dass man das ernst nimmt – auch wenn es noch nicht laut geworden ist. Die stillen Krisen sind manchmal besonders zäh. Wenn man sich an hohe Belastung gewöhnt hat, wenn man nur noch funktioniert oder innerlich schon etwas aufgegeben hat, kostet das viel Kraft.

Ich erinnere mich an ein Team, das zu Beginn sagte: „Eigentlich läuft es schon irgendwie.“ Nach einer Stunde Gespräch wurde deutlich, dass mehrere Lehrpersonen kaum noch Luft hatten. Da merkt man: Krise zeigt sich nicht immer im Chaos, sondern manchmal im stillen Erschöpftsein – in der Ohnmacht.

LZ: Und genau in dem Moment, in dem eine Schule ausspricht: „Wir brauchen Unterstützung“, beginnt oft schon Veränderung. Ich denke an eine Schulleitung, die uns einmal sagte: „Wir möchten nicht einfach wieder Ruhe. Wir möchten, dass das ganze Team etwas lernen darf.“ Das ist mir geblieben.

Denn in diesem Satz steckt viel Haltung. Da übernimmt jemand Verantwortung und schaut nicht nur auf Symptombekämpfung, sondern auf Entwicklung. Krisen sind belastend – keine Frage. Aber sie machen auch sichtbar, wo Rollen, Strukturen oder Beziehungen gestärkt werden wollen.

CS: Vielleicht ist das auch ein guter Moment, um zu sagen, wie eine Zusammenarbeit mit uns meistens beginnt. Oft steht am Anfang ein Erstgespräch. Wir hören zu, ordnen die Situation gemeinsam ein und klären, welche nächsten Schritte sinnvoll sind. Manchmal zeigt sich, dass eine längere Prozessbegleitung hilfreich wäre.

Die Schulleitung spielt dabei eine wichtige Rolle. Je nach Situation geht es um Ausrichtung, Prioritäten, Kommunikation oder die Frage, wie Verantwortung im System gut verteilt werden kann. Wir erleben Schulleitungen oft als entscheidende Partner*innen in Veränderungsprozessen.

LZ: Und dann kommen wir ja selten mit fertigen Antworten. Zuerst hören wir weiter zu. Die Klassenlehrperson erlebt die Situation anders als Fachlehrpersonen, die Schulsozialarbeit sieht andere Dinge, Eltern haben ihre Perspektive und Schülerinnen und Schüler ebenfalls.

Oft liegen diese Sichtweisen nebeneinander, ohne dass sie wirklich zusammengeführt wurden. Wenn das gelingt, entsteht häufig schon eine erste Entlastung. Ein Team merkt dann: Wir tragen nicht zehn verschiedene Probleme, sondern unterschiedliche Teile desselben Bildes.

CS: Genau. Und plötzlich wird aus diffusem Stress wieder etwas Bearbeitbares. Dann kann man sortieren: Was ist zentral? Wo braucht es zuerst Energie? Was ist eher ein Folgeproblem? Und was gelingt trotz allem bereits?

LZ: Da sind wir mitten in unserer lösungsorientierten Haltung. Mich interessiert immer auch: Wann gelingt es ein wenig besser? Wo gibt es Ausnahmen wo positives gezeigt wird? Welche Stärken sind vorhanden?

CS: Und das kann sehr konkret sein. In einer belasteten Klasse fällt vielleicht ein Schüler ständig negativ auf. Gleichzeitig merkt man: Immer wenn jüngere Kinder da sind, übernimmt genau dieser Schüler Verantwortung. Das ist Gold wert. Solche Beobachtungen verändern den Blick – und oft auch die nächsten Schritte.

LZ: Genau deshalb ist Ressourcenorientierung für uns kein Zusatz, sondern ein echter Hebel für Entwicklung.

LZ: Ein weiterer Begriff, der uns prägt, ist die Neue Autorität. Wie erklärst du das einer Schule?

CS: Darunter verstehe ich Präsenz, Klarheit, Beharrlichkeit, Beziehung und Kooperation. Erwachsene bleiben handlungsfähig, zeigen sich verlässlich und übernehmen Verantwortung für den Rahmen.

Besonders wichtig ist das Gemeinsame. Schwierige Situationen müssen nicht von einzelnen Lehrpersonen allein getragen werden. Wenn ein Team zusammensteht, verändert das die Dynamik spürbar. Jugendliche merken sehr schnell, ob Erwachsene gegeneinander arbeiten, nebeneinander stehen oder miteinander handeln.

LZ: Und manchmal reicht schon dieser Wechsel. Ich habe erlebt, dass eine Klasse deutlich ruhiger wurde, nicht weil neue Regeln eingeführt wurden, sondern weil das Team sie erstmals gemeinsam getragen hat.

LZ: Darum sind Fachteam-Sitzungen für uns so zentral. Dort entsteht oft der eigentliche Motor eines Prozesses. Wahrnehmungen werden gesammelt, Dynamiken verständlich gemacht und konkrete nächste Schritte entwickelt.

Ich erinnere mich an ein Team, das am Anfang sagte: „Wir wissen gar nicht mehr, wo wir anfangen sollen.“ Zwei Sitzungen später gab es klare Prioritäten, Zuständigkeiten und wieder spürbar mehr Ruhe. Nicht, weil alles gelöst war – sondern weil Handlungsfähigkeit zurückkam.

CS: Das ist ein entscheidender Punkt. Menschen brauchen nicht immer sofort die perfekte Lösung. Oft reicht es, wenn sie wieder wissen, wie sie den nächsten Schritt gehen können.

CS: Vielleicht hilft auch ein kurzer Überblick, wie solche Schritte konkret aussehen können. Je nach Situation arbeiten wir mit Fachteam-Sitzungen, Unterrichtsbeobachtungen, Coaching, Fachberatung, Elternabenden, Einzelbegleitung, Klasseninterventionen. Manche Schulen nutzen punktuelle Impulse, andere wünschen eine engere Begleitung über längere Zeit.

LZ: Wir arbeiten dabei mit Schulen vom Zyklus 1 bis zur Oberstufe, mit einzelnen Klassen, mit Teams oder auch mit ganzen Schulstandorten. Entscheidend ist weniger die Stufe als die Frage: Was braucht dieses System gerade, damit Entwicklung wieder möglich wird?

LZ: Viele Schulen verbinden unsere Arbeit auch mit Outdoor-Sequenzen.

CS: Zu Recht. Weil ausserhalb des Schulzimmers oft neue Bilder entstehen. Im Alltag sind Rollen manchmal festgeschrieben: Wer stört, wer schweigt, wer führt, wer scheitert. Draussen kann sich das verschieben.

Plötzlich organisiert jemand das Material, übernimmt Verantwortung am Feuer oder motiviert andere. Ich erinnere mich an eine Oberstufenklasse, die uns vor einem Trekking mit Biwak mit grossem Widerstand begegnete. Es gab Diskussionen, wenig Lust, viel Skepsis. Später standen dieselben Jugendlichen draussen, kochten, bauten, halfen einander und waren stolz auf das, was gemeinsam entstanden war. Lehrpersonen sagten danach: „Diese Seite kannten wir vor dem Trekking kaum.“

LZ: Und genau solche Momente sind Wendepunkte. Nicht, weil danach alles automatisch gut ist, sondern weil ein neues Bild der Klasse existiert.

CS: Wobei wir beide immer sagen: Ein guter Tag draussen allein ist noch keine nachhaltige Veränderung.

LZ: Genau. Entscheidend ist, dass die Erfahrungen gezielt in den Schulalltag übertragen werden. Was nehmen wir mit? Welche Stärke wurde sichtbar? Welche Rolle kann im Schulalltag wachsen? Welche Struktur braucht es jetzt?

Neue Erfahrungen entfalten Wirkung dann, wenn sie in den Alltag übersetzt werden. Nachhaltige Entwicklung geschieht selten nur über Gespräche. Sie braucht Verstehen im Kopf, emotionale Beteiligung und neue Erfahrungen im Handeln – oder einfacher gesagt: Kopf, Herz und Hand müssen mitkommen.

CS: Und dabei spielt auch Timing eine Rolle. In Krisen geht es nicht nur um das Was, sondern auch um das Wann. Entscheidend ist, den passenden Moment für Gespräche, Entlastung, klare Führung, einen Perspektivenwechsel oder gemeinsame Schritte mit Eltern und Klasse zu erkennen. Oft wirkt dieselbe Massnahme je nach Zeitpunkt ganz unterschiedlich. Nicht jede gute Idee wirkt zu jedem Zeitpunkt gleich gut.

LZ: Viele wirksame Veränderungen sind deshalb erstaunlich unspektakulär. Es braucht nicht immer die grosse Massnahme. Häufig machen klarere Abläufe, bessere Teamabsprachen, mehr Präsenz im richtigen Moment oder gezielte Coachingsequenzen den Unterschied.

Ich denke an eine Klasse, in der einzelne Schülerinnen und Schüler regelmässig Lektionen sprengten. Das Lehrpersonenteam war stark belastet. Gemeinsam entwickelten wir mehr Präsenz, klare Zuständigkeiten, regelmässige Coachinggespräche und alternative Lernorte für bestimmte Situationen. Die Klasse war nicht über Nacht perfekt. Aber sie wurde wieder tragfähig.

CS: Wir arbeiten auch nicht auf perfekte Klassen hin. Unser Ziel ist etwas Realistischeres: ein tragfähiges und sicheres System. Ein Ort, an dem wieder gelernt, geführt, gestritten, versöhnt und entwickelt werden kann. Dabei ist auch ein weiterer wichtiger Teil die Zusammenarbeit mit Eltern. Eltern tragen ihre eigene Sicht, ihre Sorgen und oft wertvolle Hinweise in sich. Wenn Schule, Elternhaus und Fachpersonen sichtbar in dieselbe Richtung arbeiten, entsteht viel Kraft.

Ich habe oft erlebt, wie viel sich verändert, wenn an einem Elternabend nicht Schuldfragen im Zentrum stehen, sondern Orientierung: Was ist los? Was möchten wir erreichen? Wer trägt was mit? Dann wird aus Unsicherheit Zusammenarbeit.

LZ: Und Kinder spüren das sofort. Wenn die Erwachsenen miteinander statt gegeneinander arbeiten, entsteht Sicherheit.

LZ: Wenn ich für mich zusammenfasse, was mir in dieser Arbeit besonders wichtig ist, dann ist es Hoffnung. Nicht als Floskel, sondern als professionelle Haltung. Ich habe zu oft erlebt, dass festgefahrene Situationen sich doch bewegen, als dass ich daran zweifeln würde.

CS: Und für mich ist es Würde. Dass wir Menschen auch in schwierigen Situationen mit Respekt begegnen – Kindern, Jugendlichen, Eltern, Lehrpersonen und Teams. Niemand sollte auf seine schwierigsten Momente reduziert werden.

LZ: Vielleicht ist genau das das Schönste an dieser Arbeit.

CS: Dass Entwicklung immer wieder möglich wird.