John* ist ein Schüler, den ich während eines Schulbesuchs beobachtet habe. Er fällt mir auf: durch sein Dazwischenreden, das Umhergehen von Pult zu Pult, aber auch durch seine spannenden Antworten auf die Fragen der Lehrperson und seine kreativen Zeichnungen auf einem Blatt vor ihm.

Im Austausch mit den Lehrpersonen erfahre ich, dass John häufig in Konflikte mit anderen Kindern gerät. Er reagiert auf viele Impulse aus seinem Umfeld, kommentiert Diskussionen und das Verhalten anderer und fühlt sich durch deren Reaktionen schnell angegriffen oder missverstanden.

Mit seiner Kraft und seinem Bewegungstalent wäre John ein beliebter Mitspieler in einem Sportteam – wäre da nicht seine Impulsivität, insbesondere wenn es ums Punktezählen geht. In solchen Situationen kommt es wiederholt zu verbalen und körperlichen Auseinandersetzungen, die häufig von ihm ausgehen.

Was zeigt sich, wenn wir John nicht nur in diesen Situationen betrachten, sondern auch seine Fähigkeiten, Interessen und Potenziale in den Blick nehmen?

Ein anderer Blick auf herausforderndes Verhalten

Wenn wir Kinder in einem Einzelsetting oder in einer Kleingruppe im Timeout begleiten, zeigt sich oft, dass ihre bisherigen Strategien im Umgang mit herausfordernden Situationen nicht ausreichend greifen. Im bisherigen Schulkontext konnten sie ihre Stärken möglicherweise noch nicht so einbringen, dass ihnen eine Teilnahme am Unterricht und am Klassenleben im vorgegebenen Rahmen gelang.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Sie liegen nicht allein beim Kind, sondern können auch mit den jeweiligen Anforderungen, den Rahmenbedingungen und dem Zusammenspiel aller Beteiligten zusammenhängen. Wir gehen davon aus, dass sich hinter jedem Verhalten auch eine Ressource entdecken lässt. In separativen oder teils separativen Settings versuchen wir deshalb, Kinder zu stärken: Wir machen ihre Ressourcen sichtbar und unterstützen sie dabei, diese für die Bewältigung herausfordernder Situationen zu nutzen.

Was verstehen wir unter aktivem Reframing?

Aktives Reframing ist für uns bei Klassenbegleitung.ch ein Ansatz, der neue Perspektiven eröffnet und Zuversicht in die Entwicklungsmöglichkeiten eines Kindes schafft.

Aktives Reframing bedeutet für uns: andere Rahmen schaffen, andere Aufgaben ermöglichen und den Fokus verändern – und dadurch neue Erfahrungen ermöglichen.

Ein anderer Rahmen

Unsere Zeltinfrastruktur im Timeout-Setting «Zelt am Waldrand» eröffnet andere räumliche und soziale Rahmenbedingungen. Auch unsere Arbeitsorte in der Natur – erlebnispädagogische Lernräume – bieten neue Möglichkeiten.

Mit diesen Rahmenbedingungen können sich Kinder anders wahrnehmen, neue Erfahrungen machen und bisher wenig sichtbare Seiten von sich zeigen. Was im Schulzimmer schwierig ist, kann unter anderen Bedingungen gelingen.

Andere Aufgaben

Wir ermöglichen Handlungen und Erfahrungen, bei denen Schülerinnen und Schüler ihre Fähigkeiten auf andere Weise einbringen können. In der Natur und im praktischen Tun entstehen Möglichkeiten, die im Schulzimmer oft nicht vorhanden sind.

Das Kind kann sich in einer anderen Rolle erleben, eigene Stärken entdecken und neue Handlungsmöglichkeiten erproben. Reframing wird so zu einer Erfahrung, die durch konkretes Handeln entsteht – und nicht beim blossen Umdeuten einer Situation stehen bleibt.

Ein veränderter Fokus

Wir richten den Blick auf Ressourcen und Fähigkeiten, statt uns ausschliesslich an Problemen und Defiziten zu orientieren. Dabei interessieren uns besonders die Ausnahmen: die kleinen und manchmal unscheinbaren Momente, in denen etwas gelingt.

Diese Erfahrungen weisen uns den Weg zu der Frage: Was funktioniert bereits, unter welchen Bedingungen gelingt es und wie können wir mehr davon ermöglichen?

Neue Perspektiven und mehr Handlungsspielraum

Aktives Reframing ermöglicht ein differenzierteres Verständnis eines Schülers oder einer Schülerin. Das Kind lernt, sich selbst und herausfordernde Situationen aus neuen Perspektiven wahrzunehmen. Dadurch können seine Bewusstheit für eigene Handlungsmuster und sein Handlungsspielraum wachsen.

Die dabei gewonnenen Erfahrungen und erprobten Werkzeuge können das Kind unterstützen, auch künftig neue Wege im Umgang mit schwierigen Situationen zu finden – vorausgesetzt, es erhält eine passende Begleitung und die Rahmenbedingungen, die es dafür braucht.

 

*Name erfunden.

Literatur:

-        Zuffellato, Andrea und Kreszmeier, Astrid Habiba (2007): Lexikon Erlebnispädagogik, Augsburg: Ziel